Zehntausende erleben in Minden Geschichte hautnah / Schlachtdarstellung und Stadtszenen
Noch schmurgelt friedlich das Kartoffelgericht in der Pfanne des Regiments Prinz Maximilian. Zwei Stunden vor der Schlachtdarstellung auf Kanzlers Weide am Samstag herrscht Pfadfinderromantik im internationalen Heerlager rund um das Fort C. "Wir kochen, was mit Mühe geplündert wurde", verrät schmunzelnd Mario Wolf, Glaser aus Wolkenstein im Erzgebirge - jetzt als Sachse ein Verbündeter der Franzosen.
Aus aller Herren Länder stammen die rund 350 Geschichtsdarsteller - auch als Reenactment-Soldaten bezeichnet. Viele sind bereits zum zweiten Mal da, weil 2007 die Minden Marketing Gesellschaft schon einmal zu einem militärhistorischen Biwak eingeladen hatte. Wie das 77th Highlander Regiment, dessen 18 in Minden gastierende Mitglieder trotz der Schottenröcke aus Tschechien kommen.
Militärarzt Geoff King führt geeignetes Werkzeug zur Amputation von Beinen vor. MT-Fotos (3): Stefan Koch
Wer sich zwischen die Regimentszelte begibt, erhält bereitwillig Auskunft über Fragen rund zur Geschichte und dem bunten Treiben. Heinz Behrens, Kommandeur des Regiments von Hülsen Nummer 21, hält große Stücke auf seine Einheit, die nicht nur zu Schlachtdarstellungen in Europa ausrückt, sondern bereits in der US-Militärakademie Westpoint Kadetten besuchte. Schließlich ist kein geringerer als der preußische Offizier Friedrich Wilhelm von Steuben - er organisierte im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg die Truppen George Washingtons - biografisch eng mit der Einheit verbunden.
Doch dann wird es ernst. Noch während der britische Bausachverständige Geoff King als Militärarzt des 18. Jahrhunderts über die damals übliche Praxis bei Beinamputationen informiert, fährt bereits das preußische Regimentsgeschütz auf dem Pkw-Anhänger Richtung Kanzlers Weide ab. Die preußischen, französischen, hessischen, sächsischen und britischen Soldaten geraten in Bewegung. Pfeifen erklingen. Dann versammeln sich die Regimenter zum Abzug vor dem Fort. Udo Brühe, Koordinator der Reenactmentgruppen, ermahnt noch einmal alle, genug Wasser mitzuführen - schließlich hat der Wetterdienst bis zu 26 Grad Celsius vorausgesagt. Unter den Klängen Hohenfriedberger Marsches geht es Richtung Bahnunterführung.
Dichter Nebel aus Schwarzpulverrauch
Auf Kanzlers Weide bauen sich die Truppen auf. Doch es dauert nicht lange, bis die Soldaten feuern. Ein dichter Nebelschleier breitet sich über dem Schlachtfeld aus.Um die Zuschauer über militärische Details zu informieren und Schlachtszenen zu erläutern, hat sich ein fachkundiges Moderatoren-Team eingefunden. MT-Lokalchef Hans-Jürgen Amtage, Carsten Reuß, stellvertretender Leiter des Preußen-Museums und Major Mike Barnett führen die Besucher durch das rund einstündige Geschehen.
Mit geschickten Handgriffen - bis zu 14 davon sind nötig - lädt ein Soldat sein Vorderlader-Steinschlossgewehr, ist zu erfahren. Es scheint Verwundete zu geben, einige Soldaten bleiben regungslos liegen. "Ein guter preußischer Soldat konnte bis zu vier Mal pro Minute nachladen", erklärt Reuß.
Die Inszenierung lebt nicht nur von aufwändigen Kostümen und packenden Kampfszenen, sondern führt den Zuschauern auch die Brutalität des Kriegsgeschehens vor Augen. Reuss schildert ein besonderes Kapitel der Schlacht: "Eine Infanterie-Formation aus Briten und Hannoveranern stürmte verfrüht aufs Schlachtfeld und geriet in einen französischen Kavallerie-Angriff. Die Infanteristen schossen, was die Rohre hergaben und hielten dem Angriff Stand."
Wer zwar das 18. Jahrhundert liebt, aber keine Kriegsschauplätze, der schaut sich in der oberen Altstadt die zeitgenössischen Darstellungen von Bürgern, Bauern, Händlern, Bettlern und Schaustellern an. Dort trifft man zum Beispiel die neunjährige Victoria, ein Trossmädchen, dass sich um das Essen und die Wäsche kümmert. Sie wollte unbedingt mitkommen, verrät das Mädchen aus Wölpinghausen, die einen langen Rock, Leinenbluse, Kopftuch und Holzschuhe trägt.
Benjamin Sander (11) hat zum ersten Mal einen Mäusebussard auf seiner Hand sitzen und ist begeistert. "Der ist richtig schwer und zappelt total rum." Neben der Falknerei war die Hofreitschule zu Bückeburg zu Gast. Die Kleinen begeisterte außerdem das historische Riesenrad, Bogenschießen und Axtwerfen.
"Ich habe gehört, hier gibt es gute Kundschaft aus dem 18. Jahrhundert", sagt Anne Sophie Overkamp aus Berlin. Sie verkauft in der oberen Altstadt Bänder aus Wuppertal. Dort hat sie Nils Kagel aus Hamburg getroffen, der als Heuerling die Mindener Leineweberei betreibt. Er freut sich über die vielen interessierten Besucher und schwärmt von der wunderschönen Altstadt. "Ich habe eher ein Shopping-Publikum erwartet, aber die Mindener haben mich überzeugt."
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